Was sagt der Buddha ueber Homosexuelle

Homosexualität

Anja Finger

Zur Person

Anja Finger, geboren 1976 in Frankfurt am Main, hat Soziologie, Theologie und Religionswissenschaft an Universitäten in Deutschland, im UK und in den USA studiert. Ihre soziologische Dissertation hat sie an der Universität Erfurt verteidigt, und sie lehrt zur Zeit Religionswissenschaft mit theoretischem Schwerpunkt an der University of Aberdeen in Schottland. Ihre Interessen liegen unter anderem in den Bereichen Religion und Gesellschaft sowie Gender- und Queertheorien.

Von Programmen zur "Umerziehung" bis hin zur Trauung von Lesben und Schwulen als Eheleute reicht das Spektrum christlicher Positionen zu Homosexualität. Aber auch in anderen Religionsgemeinschaften bilden Glaube und Homosexualität nicht nur Oppositionen, sondern gehen teils überraschende Verbindungen ein.

Mitglieder der Good Hope Metropolitan Community Church bei der jährlichen Gay Pride Parade in Kapstadt. (© AP)

Es gibt in den Ländern der EU und besonders in der Türkei noch immer erhebliche Vorbehalte gegen Homosexuelle. Ein Grund für diese diskriminierenden Vorurteile kann Religiosität sein. Menschen mit einer Religionszugehörigkeit bringen weniger Toleranz für Homosexualität auf als Menschen, die keiner Religion angehören (Gerhards 2010: 19). Zudem stehen orthodoxe Christen, Katholiken und Muslime der Homosexualität tendenziell ablehnender gegenüber als Protestanten. Und je enger gläubige Menschen an ihre religiöse Institution gebunden sind, desto entschiedener lehnen sie Homosexualität ab.

Der Begriff Homosexualität legt eine klare Abgrenzung von Heterosexualität nahe. So eine klare Abgrenzung gibt es nach Sexualforschung und Geschlechtertheorien aber nicht. Die klare Unterscheidung von Homosexualität und Heterosexualität ist eine moderne Fiktion, die allerdings selbst Fakten geschaffen hat. Wenn es um Gleich-Geschlechtliches geht, stellt sich die Frage, was 'Geschlecht' ist und wer es warum und zu welchen Zwecken bestimmt. Diese Frage ist immer (auch) eine Machtfrage. Konstellationen von Macht aber sind veränderlich, und so lässt sich sowohl im historischen als auch im kulturellen Vergleich zeigen, dass Homosexualität zum Teil sehr unterschiedliche Antworten der Religionen herausgefordert hat.


Mit den abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam hat sich historisch ein Ideal durchgesetzt, in dem Sex der Fortpflanzung dient. Diese Entwicklung, aber auch die anderer religiöser Traditionen, die der gleich-geschlechtlichen Liebe gegenüber uneindeutiger bis gewogener eingestellt waren, wird spannend erzählt von William Naphy (2006) in seinem Buch Born to Be Gay: A History of Homosexuality. Demzufolge bildet die christlich-westliche Form der moralischen Abwertung von Homosexualität die Ausnahme. In vielen religiösen Traditionen finden wir Gottheiten, die genau solches Verhalten an den Tag legen; Hindu-Gottheiten zum Beispiel, die nicht nur gleichgeschlechtliche Liebe praktizieren, sondern auch ihr Geschlecht wechseln. Und wie die Gottheiten, so die Menschen: Die indischen Hijras, die als in der Regel biologische Männer eine weibliche oder Geschlechtergrenzen überschreitende Identität annehmen, sind prominentestes Beispiel hierfür. Neben der Darstellung gleichgeschlechtlicher Praktiken als Aspekt des Lebens gibt es in Übersetzungen und Deutungen von Rechtstexten wie dem Gesetzbuch des Manu verhaltenere Töne. Der Buddha selbst hat sich nicht explizit zu gleichgeschlechtlichen Handlungen geäußert, für buddhistische Mönche und Nonnen gelten strengere Regeln als für Laien, und der Dalai Lama sieht in der Homosexualität eine Form sexuellen Fehlverhaltens.

Naphy erkennt eine moderate bis lediglich dem passiven Partner gegenüber eher ablehnende Haltung zur männlichen Homosexualität. Teilweise identifiziert er aber auch eine Aufwertung durch Ritualisierung in einer Vielzahl von nicht-abrahamitischen Traditionen (vorkoloniales Indien, China, Afrika, antikes Griechenland, Afrika und Melanesien). In der dominant gewordenen christlichen Sicht hingegen wurde Sex, der nur dem Vergnügen dient, negativ bewertet und mit Schuld und Sünde in Verbindung gebracht. Schwuler Sex wurde als die alttestamentliche Sünde von Sodom (Gen 19) klassifiziert, daher der Ausdruck Sodomie. Die Auslegung dieses Bibeltextes ist allerdings umstritten, so auch das Verbot in Levitikus 18:22: "Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel" (Einheitsübersetzung). Einer der Streitpunkte ist, ob dies lediglich den Analverkehr zwischen Männern ausschließt oder jegliche homosexuelle Aktivität.[1] Ein weiterer Streitpunkt ist, ob solche biblischen Texte überhaupt auf heutige Beziehungsformen angewandt werden können. Lesbische Sexualität hat im Verhältnis weniger Beachtung gefunden, da eine aktive Sexualität nur Männern zugedacht wurde. Auch bisexuelle Sexualität hat sich ihren Platz erst erkämpfen müssen und muss dies noch heute in Teilen der Community.


  1. Mehr zur Wirkungsgeschichte dieses Textes und seiner Auslegungen findet sich bei: Reck 2008. Zu beachten ist m.E., dass diese Geschichte vorrangig und fast ausschließlich eine Geschichte männlicher Gleichgeschlechtlichkeit ist, der lesbische und bisexuelle Sexualitäten erst spät gewissermaßen subsumiert wurden.